Bjarkie
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Der cimmerische Drache
Vorbereitungen
Etliche Winter waren vergangen seitdem zum letzten Mal das Geschrei eines Kindes durch das Dorf des Clans schallte. Doch nun endlich, in der Nacht zuvor, war dem Clanführer ein kräftiger kleiner Stammhalter geboren worden. Das sollte natürlich gebührend gefeiert werden.
Das Dorf, wenn man es denn so nennen konnte, war vielmehr nur eine Ansammlung von Zelten und einfachen Hütten, die sich lose um das Haupthaus scharten. Doch heute war da ein geschäftiger Betrieb wie in einer Großstadt. Frauen rannten umher und trugen allerlei Speisen und Getränke, Dekoration und Geschenke in das Haupthaus. Die lange Tafel in der Mitte des Raums brach schon beinah unter dem Gewicht der Köstlichkeiten zusammen, die man auf ihr drapierte. Am oberen Kopfende der Tafel, leicht erhöht auf einem Steinpodest, stand der Thron des Häuptlings. Er war aus kunstvoll geschnitztem Eichenholz gefertigt und auch er schien unter dem Gewicht des Schmucks und der Geschenke beinah zu bersten. Die Feuerstellen an der Seite des Raumes hatte man schon entzündet und sogar sie schienen heute heller und heißer zu brennen als sonst; alles zu Ehren des neugeborenen Kindes.
Die Männer waren auf der Jagd, um für das Festmahl den größten Zwölfender zu erlegen, der im ganzen Umland zu finden war. Mit vor stolz geschwellter Brust, das Jagdhorn am Gürtel und den Speer fest in der Faust, führte der Häuptling die Meute an. Die Wolfshunde zu beiden Seiten, stürmte er durch den samtweichen Pulverschnee. Sie hatten die frische Fährte einige Minuten zuvor aufgenommen. So mussten sie ihm sehr dicht auf den Fersen sein. Die tiefen Abdrücke im Schnee verrieten den Männern: es handelte sich um eine kapitale Kreatur hinter der sie her waren und der Gedanke an das frische Fleisch, gegrillt über den Feuerstellen des Haupthauses, spornte sie zusätzlich an.
Der gewaltige Hirsch sollte von zwei Seiten in die Zange genommen und auf eine Felswand zu in die Enge getrieben werden. In Kürze würden sie diese erreichen und so blies der Häuptling mit aller Kraft seiner Lungen in das Jagdhorn, um die Panik des Tieres weiter zu schüren, es zu verwirren und unachtsam werden zu lassen. Er war sich gewiss. Er würde nur genau den winzigen Augenblick benötigen, den der Hirsch im Angesicht seiner ausweglosen Situation zögern würde, um ihn zu erlegen.
Der Moment war zum Greifen nahe. Seine Sinne waren scharf wie Rasiermesser, seine Sehnen bis zum Bersten gespannt. Er schloss seine Faust so fest um den Speer, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. Er nahm ihn über den Kopf nach hinten, fixierte kurz sein Ziel und schleuderte den Speer mit all seiner Kraft nach vorne. Die fein geschmiedete Spitze des Speeres traf den Kapitalen direkt in die Schulter. Sie bohrte sich durch Fell, Haut, Fleisch und brachte den Knochen darunter zum Splittern. Der Hirsch bäumte sich auf. Sein entsetztes Röhren hallte von der Felswand wider. Das Blut rann aus der Wunde in einem dicken Strom herab in den Schnee zu dessen Hufen, schmolz ihn und färbte ihn tiefrot. Die Wolfshunde umkreisten ihn knurrend und Zähne fletschend während er langsam in sich zusammensank.
Nun hatten die Männer auch aufgeholt. Sie näherten sich vorsichtig, denn nie konnte man sicher sein, ob das Tier sich in seinem Todeskampf noch einmal aufbäumen und einen der ihren mit seinem mächtigen Geweih niederreißen würde. Der Häuptling zog einen Dolch aus seinem Gürtel und ging sicheren Schrittes auf das verwundete Tier zu. Es lag nun auf der Seite und tat schwer schnaufend seine letzten Atemzüge. Ruhig kniete sich der Häuptling neben ihm nieder. Er legte seine linke Hand unterhalb der Augen auf den Kopf des Tieres und durchtrennte mit einer geübten Bewegung seiner Rechten dessen Kehle. Aus den daumendicken Venen entwich sprudelnd das Leben und sickerte in den Untergrund.